Der West Coast Trail in Kanada - ein Interview

Verläuft an der Küste entlang: Der West Coast Trail
Verläuft an der Küste entlang: Der West Coast Trail

Dieses Interview über eine Wanderung ist eines nicht: barrierefrei. Dennoch freue ich mich sehr, dass Familie Müller geduldig meine Fragen zum beeindruckenden Familientrip nach Kanada und den West Coast Trail (WCT) beantwortet hat. Von ihnen stammen auch alle Fotos zu diesem Blogbeitrag. Dafür mein herzliches Dankeschön nach Rheinland-Pfalz!

 

Aber wohin geht es denn eigentlich? Der 75 km lange West Coast Trail befindet sich im Pacific Rim National Park auf Vancouver Island. Er ist Teil der alten Pfade und Paddelrouten, die von den kanadischen First Nations genutzt wurden, lange bevor ausländische Segelschiffe diese Region vor über 200 Jahren erreichten.

 

Er gehört zu den bekannten Backcountry Wanderrouten und ist ohne Zweifel anspruchsvoll. Man ist auf rauem, unebenem Boden unterwegs, der Regenwald führt zu rutschigen Bedingungen auf schlammigen Wegen, Holzwegen, Baumstämmen, Felsbrocken und felsigen Küstenlinien. Die Wanderer müssen Flüsse überqueren, Leitern besteigen, Seilbahnen benutzen, steile Hänge und beschädigte Strukturen bewältigen. Es gibt keine Schutzhütten unterwegs, es wird gecampt. Campingplätze befinden sich an Stränden, neben Flüssen und sind mit Toilettenhäuschen und tiersicheren Lebensmittelboxen ausgestattet, mehr nicht. Wanderer müssen ihr Wasser aus den Flüssen filtern. Der Weg wird immer schwieriger, je weiter man nach Süden kommt.

Was ist der WCT eigentlich und wann seid Ihr ihn gewandert?

auf dem West Coast Trail
auf dem West Coast Trail

Wir sind den West Coast Trail als Familie, also Eltern und 2 Teenager im Alter von 16 und 18 Jahren, für neun Tage bzw. 8 Nächte im Juli 2017 gewandert.

 

Der Trail ist weltweit bekannt. Ursprünglich wurde er gebaut, um Schiffbrüchigen einen einfacheren Weg zurück in die Zivilisation zu ermöglichen. Schiffbruch kam hier oft vor, dieser Küstenabschnitt ist auch als „Graveyard of the Pacific“ bekannt.

 

Der WCT hat drei Einstiegsmöglichkeiten: Pachena Bay (Norden), Nitinat Lake (Mitte – Ausweich Startpunkt für nur die Hälfte vom WCT) und Gordon River (Süden). Entlang der  Steilküste Vancouver Islands bietet er eine Vielfalt von Regenwald, Felsen, Sumpflandschaft, Schluchten, Seilbahnen, steilen Leitern, Stränden, Boardwalks und auch  Tieren.

 

Die durchschnittliche Sommertemperatur liegt bei nur 14°Celsius. Etwa 1-2% der Wanderer werden vom West Coast Trail evakuiert, meistens wegen Knöchelverletzungen und Unterkühlung. Im Schnitt findet jeden zweiten Tag eine Evakuierung statt; wir haben zum Glück keine erlebt, allerdings ein paar Helikopter gesehen.

Karte des West Coast Trail auf Vancouver Island

Die "14 Std. 32 Min und 68,7 km" veranschlagt übrigens Google Maps. Überflüssig eigentlich, darauf hinzuweisen: diese Angaben sind absolut unrealistisch.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, diese strapaziöse Wanderung unternehmen zu wollen und wie kommt es, dass Euch Eure Kinder dabei begleitet haben (denn eigentlich ist ab 16/17 das Reisen mit den Eltern doch eher uncool?)?

Am 2. Tag sind die Schuhe und Gamaschen im Verhältnis sogar noch recht sauber
Am 2. Tag sind die Schuhe und Gamaschen im Verhältnis sogar noch recht sauber

Unsere ganze Familie teilt die Liebe zur Natur, wir wandern schon immer gerne. Und der West Coast Trail war schon seit Jahren auf unseren „Bucket List“. Vor 20 Jahren hatten wir ein Buch darüber gekauft, eine Anfangsidee damals war ein Urlaub in West Kanada mit dem WCT (1 Woche) und außerdem für eine Woche per Kanu die Bowron Lakes zu erkunden. Als wir dann anfingen zu planen, erfuhren wir, dass Barbaras Cousin die Wanderung bereits zweimal gemacht hat. Er erlebte beim ersten Mal sechs Tage Regen und einen Tag Sonne, bei seiner zweiten Tour war das Wetter umgekehrt.

 

Unsere Kinder waren schon oft in Kanada, sie lieben und schätzen das Land sehr und wollten daher unbedingt mit. Sie wussten, dass es unterwegs keinen Strom gibt, also auch kein Internet, keine Handys, keine Duschen, nur Plumpsklos, nur einfaches Essen, kein Taxi oder unterwegs eine Möglichkeit, einfach aus dem Unternehmen auszusteigen. Aber im Gesamtpaket einer Reise zu den Feierlichkeiten zu den 150-Jahr-Feiern Kanadas, dem Jubiläums "Canada Day" und der Aussicht, dass unsere Tochter ihre Gasteltern aus ihrem Jahr als Austauschschülerin besuchen konnte - da waren auch die Jugendlichen Feuer und Flamme für unsere Unternehmung.

Wie haben Planung und Reservierung funktioniert? Hat alles geklappt, habt Ihr etwas vergessen, übersehen?

Cullite Cove auf dem West Coast Trail
Cullite Cove auf dem West Coast Trail

Man muss schnell sein. Wir haben unsere Wanderung auf dem WCT bereits online im Januar 2017 reserviert. Es gab zwar immer ein paar Plätze, die nicht reserviert werden können*, mit unserer Gruppe von vier Personen hätte dies schnell auch 1-2 Tage „Wartezeit“ bedeuten können. Nachdem dieser Termin feststand haben wir anschließend Flüge und Mietwagen gebucht, die Route für den 4-wöchigen Urlaub geplant und unsere Unterkünfte in Victoria, Brentwood Bay, Tofino, Vancouver usw. gebucht. Zur Vorbereitung haben wir natürlich auch die Berichte anderer Wanderer im Internet gelesen.

 

Dann haben wir für uns eine sorgfältige Packliste erstellt. Wir wollten auflisten, was wir bereits haben und was gekauft werden muss. Dabei haben wir auch  sehr auf Gewicht und Qualität (gutes Material!) geachtet und trotzdem versucht, auch den Preis im Blick zu halten. Um alles auch später noch nutzen zu können, haben wir z.B. in zwei 3-Personen-Zelte investiert anstatt zwei 2-Personen- oder ein 4-Personen-Zelt.

 

Neue Wanderschuhe waren ebenfalls fällig, sie sollten leicht und wasserdicht sein und mussten natürlich vorher gut eingelaufen werden. Daher haben wir zwei Probewochenenden mit Höhenprofil verbracht. Dabei hatten wir dann unser ganzes Gepäck zu tragen, sogar unser Essen haben wir mitgenommen, um die geplanten Mahlzeiten testen zu können. Denn für den West Coast Trail haben wir unseren  Plan für die Mahlzeiten im Voraus erstellt und auch eine entsprechende Einkaufsliste für mitzunehmende Speisen und vor Ort zu kaufende Nahrungsmittel zusammengestellt.

 

Wir hatten nichts vergessen. Es gibt kaum etwas, was wir das nächste Mal anders machen würden. Besonders wertvoll waren Merino-Unterwäsche und -Socken. Die Trinkschläuche im Rucksack waren eine super Idee. Bei unserem ersten Probewandern hatten wir einen zum Ausprobieren dabei. Danach haben wir für jeden von uns einen gekauft. Festgestellt haben wir, dass wir keine vier Taschenlampen gebraucht hätten, zwei wären ausreichend gewesen und mit einer Tube Sonnencreme wären wir ebenfalls ausgekommen.

 

*Hinweis: Ab 2018 werden alle Plätze für den WCT reserviert, es gibt keine Stand-By-Plätze mehr!

Was war das schönste und was war das schlimmste Erlebnis während Eurer Wanderung?

Leitern an den Tsusiat Fällen, West Coast Trail
Leitern an den Tsusiat Fällen, West Coast Trail

Zuallererst: wir haben keine Unfälle, keine Verletzungen, keinen Regen erlebt. Die Zelte konnten wir stets trocken ab- und aufbauen. Wir hatten unterwegs keine gefährlichen Tierbegegnungen.

 

Der Trail war anstrengend. Jeder von uns musste auf jeden Schritt achten. Am Anfang wog der Rucksack, den jeder von uns tragen musste ca. 16-17 Kilo, zum Schluss glücklicherweise gute 5-6 Kilo weniger. Alle sind wir an unsere persönlichen Grenzen gekommen, sowohl körperlich als auch mental. Ich musste mich an einigen der Leitern, die man ab- oder aufsteigen musste, mit meiner Höhenangst auseinandersetzen. Man kann sagen, unsere Kinder waren ihren Eltern körperlich überlegen, dafür die Eltern den Kindern mental überlegen. Ganz bedeutsam war es, die Gezeiten (Ebbe und Flut) genau im Auge zu behalten. Zur falschen Zeit loszugehen, von der Flut überrascht zu werden, könnte lebensgefährlich sein.

 

Wir haben wirklich Natur pur erlebt. Man wandert zwischen riesengroßen Bäumen, durch Schlamm, klettert über Felsen an der Küste. Dabei konnten wir immer wieder Tiere beobachten, z.B. Seelöwen, Weißkopfseeadler, Mink, Rehe und zum Glück nur Bärenspuren.

 

Wir haben uns Zeit für unsere Wanderung gelassen und sind den West Coast Trail in neun Tagen gelaufen. Grund dafür war auch, dass erst für den 10. Tag eine Busreservierung für den Rückweg möglich war. Dadurch hatten wir Zeit für einen sehr geschätzten Pausentag unterwegs. Unsere Empfehlung zum Pausentag ist Tsusiat Falls, denn dort konnten wir schwimmen. Und schließlich hatten wir auf dem Weg den besten Burger der Welt bei Chez Monique.

Was hat Euch unterwegs am meisten gefehlt?

ein Sonnenuntergang wie am Bonilla Point (West Coast Trail) entschädigt für vieles
ein Sonnenuntergang wie am Bonilla Point (West Coast Trail) entschädigt für vieles

Vermisst haben wir vor allem ein bequemes Bett. Es wäre sicher schön gewesen, eine dickere Isomatte mitzunehmen. Wir haben darauf aber verzichtet wegen des Gewichts und aus Platzmangel. Und fließendes Trinkwasser, das hat uns ebenfalls gefehlt. Wir haben unser gesamtes Trinkwasser filtern müssen. Und allein das täglich benötigte Wasser zu filtern, nimmt mehr Zeit in Anspruch als vermutet. Wir brauchten immerhin 10 - 12 l pro Tag und bei rund 10 Minuten pro Liter dauert das schon so eine Zeit.

Hat Euch die Natur so beeindruckt, wie es auf Fotos aussieht oder ist man so mit sich und der anstrengenden Wanderung beschäftigt, dass das Naturerlebnis zurücktritt?

Camper Bay am West Coast Trail
Camper Bay am West Coast Trail

Die Natur hat uns SEHR beeindruckt. Ich muss sagen, live ist der Trail noch schöner als auf den Bildern, die wir vorher gesehen hatten. Wir hatten ja zum Glück auch viel Zeit um die Natur zu bewundern und zu erforschen. Auch viele Fotos konnten wir so machen.

 

Man unterschätzt im übrigen, was besonders bei Ebbe alles zu sehen und zu entdecken ist. Es gibt so viel mehr als nur kleine Krebse.

 

Froh sind wir darüber, uns so viel Zeit genommen zu haben. Wir waren sicherlich bei den langsamsten Wanderern auf dem Trail. Aber unser Motto war eben „der Weg ist das Ziel“. Und so hatte jeder von uns die Zeit, die Natur für sich entsprechend zu genießen.

Wohin führt Eure nächste Wanderung?

4 Stunden Rückfahrt im Bus nach Gordon River, zur Hälfte auf Schotterpisten
4 Stunden Rückfahrt im Bus nach Gordon River, zur Hälfte auf Schotterpisten

Das ist eine gute Frage, die Du zum Schluß stellst.

 

Unser Bedürfnis, alles wieder zu tragen und im Zelt zu schlafen hält sich z.Zt. bei uns in Grenzen. Mag sein, dass es auch etwas vom Alter abhängt. Dennoch überlegen wir schon. Eine Hüttenwanderung könnten wir uns vorstellen, auch eine Alpenüberquerung mit dem Rad oder das Schilthorn in den Berner Alpen, Schweiz.

 

Sicher ist in jedem Fall: von den Erinnerungen an unsere Wanderung auf dem West Coast Trail wird unsere Familie lange zehren und wir werden uns auch in einigen Jahren noch Geschichten davon erzählen.

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Kommentare: 7
  • #1

    Lennard (Sunday, 03 December 2017 16:46)

    Schöner Beitrag. Jetzt würde ich am liebsten selber gleich los wandern ^^

  • #2

    Zypresse (Sunday, 03 December 2017 17:00)

    Das wird nicht klappen, Lennard: "The West Coast Trail is OPEN May 1 to September 30". Aber ab 08.01.2018 kannst Du Dir/Euch einen Platz auf dem Trail reservieren für das kommende Jahr.
    Viele Grüße an die Spree!

  • #3

    Beate (Monday, 04 December 2017 18:05)

    Respekt!

  • #4

    Zypresse (Monday, 04 December 2017 21:57)

    Ja, Beate, Recht hast Du: diese Tour hat auch mir eine Menge Respekt abgefordert. Und ein tolles Familienerlebnis war sie sicher auch.

  • #5

    Gabriela (Monday, 01 January 2018 12:22)

    Da kommt direkt Lust aufs Wandern auf! Kanada ist aber auch zu schön und war als Teenie mein "Traumland". Auch heute noch liebe ich es sehr!
    Liebe Grüße
    Gabriela

  • #6

    Heike (Tuesday, 13 March 2018 09:54)

    Der Trail ist ganz oben auf meiner To-do Liste.
    Sehr interessanter Beitrag. DANKE.
    LG Heike

  • #7

    Zypresse (Tuesday, 13 March 2018 10:09)

    Ja, das ist schon eine faszinierende Erfahrung, oder? Aber ganz sicher nicht ungefährlich und sehr anstrengend!